"Alle an einem Strick"<ZURÜCK>

Der US-Handelsriese Wal-Mart will den Markt in Deutschland aufrollen. Verkaufen ist für die Mitarbeiter eine Mission, Arbeiten ein Privileg und Teamgeist Verpflichtung. Das Motto "Einer für alle, alle für einen" kommt besonders im Osten gut an 

Spaß macht die Arbeit. Fröhlich sind die Kollegen. Richtig Geld verdient die Firma. Kerstin Hübener gerät ins Schwärmen. "Wal-Mart ist das Beste, was uns passieren konnte." Seit der Welt größter Handelskonzern ihre alte Firma schluckte, gehört Frau Hübener aus Pirna zu den "Global Playern". Sie wird dabeisein, wenn der Multi aus Amerika den deutschen Markt aufmischt und die Miesepeter der Branche das Fürchten lehrt. Stolz präsentiert die "Warenbereichsleiterin Nonfood" die Rückseite ihres Namensschilds. Dort steht als Dreisatz das Geheimnis des Erfolgs: "Respekt gegenüber dem anderen, Service für die Kunden und Streben nach hervorragender Leistung". 

Jeder Mitarbeiter trägt dieses Glaubensbekenntnis um den Hals, wie ein Missionar sein Kreuz. Kerstin Hübener hat ihr Schild am Revers, "nah am Herzen". Überschwenglich führt sie Gäste durch das Land des Lächelns in Heidenau bei Dresden. Was vor einem Jahr noch ein stinknormaler "Wertkauf"-Supermarkt war, mit Wühltischen im Gang und Schlangen vor den Kassen, taucht jetzt ein in die schöne bunte "Wal-Mart"-Welt. Die amerikanische Flagge weht vorm Haus, ausgezeichnete Verkäuferinnen heften sich "Gut gemacht"-Buttons an die Brust. Frisch frisierte Damen in weinroten Schürzen sitzen an der Kasse. Weinrot darf tragen, wer "Kassiererin des Monats" ist. 

Monika Siliacks aus Pirna war die erste Lady in red. Kollegin Siliacks lacht beim Kassieren, ein seltenes Bild in deutschen Märkten. Früher, als "die Begeisterung noch einen anderen Anstrich hatte", war sie bereits "Bestarbeiterin" im HO-Lebensmittelkollektiv. Gute Leistungen wurden mit Karten fürs Kulturhaus belohnt und einer Sonderprämie. Lang ist's her. "Die Auszeichnungen heute sind vom Prinzip her das gleiche", sagt die gelernte HO-Verkäuferin. "Der Ansporn ist immer da. Aber stolz ist man trotzdem." 

Kollegin Hübener vom Warenbereich "Nonfood" redet im neuen Deutschland nicht gern über die alten Zeiten. Nur daß sie vor der Wende bei einer bäuerlichen Genossenschaft war und "praktisch" von der "Raiffeisen"-Familie zur "Wal-Mart"-Familie gestoßen ist, sagt sie. 

Jetzt lernt Kerstin Hübener Englisch. Zum Beispiel das "EDLP"-Prinzip, "Every Day Low Price". Jeden Tag Billigpreise. Damit ist Firmengründer Sam Walton groß geworden. Vor 37 Jahren eröffnete der fromme Kirchgänger in Arkansas seinen ersten Shop und geizte sich schnell nach oben. Ging zum billigsten Friseur, gab keinen Extra-Cent Trinkgeld und kaufte die Konkurrenz auf. Dann zog er durch seine Läden und predigte das "Wal-Mart"-Wir-Gefühl. 

Heute sind alle Filialen in den USA elektronisch vernetzt, Großrechner steuern selbst Lichtstärke und Raumtemperatur, um Kosten zu senken. Ein konzerneigener Satellit garantiert schnellste Übertragung fürs weltweit größte private Datenlager. Ständig analysieren Waltons Leute das Kaufverhalten ihrer Kunden. Als sie einmal merkten, daß Männer, die Babywindeln kaufen, gern auch ein paar Dosen Bier mitnehmen, plazierten sie die "Sixpacks" gleich neben den Pampers. 

Seine Mitarbeiter sind sauber und ehrlich und nennen sich "Associates", Partner. Verbündete im Kampf gegen das Böse: zu hohe Preise. Jeden Morgen treten Waltons Jünger zum "Morning Cheer" an und preisen ihre Kundschaft. In Dresden tun sie es auch, und nur die Konkurrenz streut das böse Gerücht, daß zum Morgenappell die Personaltoiletten überbelegt sind. 

Die Waltons übernehmen sogar "Patenschaften". Nicht für arme Kinder in der Dritten Welt: für benachteiligte Produkte im Regal. Solche, zu denen der Kunde nicht sofort greift. "Die im verborgenen sind", sagt Frau Hübener. Sie spielte Patentante für "Dr. Verdi"-Sandalen mit Bio-Fußform. "So gut wie Birkenstock, nur billiger." Jeder Bereichsleiter muß ein "very important item" unter seine Fittiche nehmen. Und sich einen Spruch überlegen, der "zum Schmunzeln anregt". Sitzt der Satz, wird er übers Sortiment gehängt, mit dem Bild des Paten. Dann wird Strichliste geführt. Wer den meisten Umsatz und Gewinn reinholt, kriegt eine Belohnung. Kerstin Hübener ("Ich gehe meilenweit mit Dr. Verdi") landete leider nur auf dem siebten Platz, der Kantinenchef auf dem drittletzten. Er hatte sich für Penaten-Feuchttücher entschieden und kam mit dem schönen Satz "Ruckzuck ist der Popo sauber" nicht an. Sieger war der Mann aus der Getränkeabteilung mit seinem Engagement für "Margon"-Mineralwasser aus der Heimat. Der Sachse kauft halt gern sächsisch. 

Das haben die Amerikaner natürlich auch spitzgekriegt. "Auf heimische Qualitätsprodukte legen wir großen Wert", sagt Kerstin Hübener. Popcorn geht zwar auch ganz gut, aber an mittelscharfem Senf aus Bautzen oder Russischem Brot geht kein Weg vorbei; schmeckte früher schon, wie Rotkäppchen-Sekt oder Rügenwalder Teewurst. Für die hat sogar der Kollege aus dem Westen die Patenschaft übernommen. "Wir ziehen alle an einem Strick", sagt Kerstin Hübener. 

Aber natürlich sind alle nicht nur zum Spaß hier. "Wal-Mart" will Kasse machen. Erst schluckten die Amerikaner "Wertkauf", dann 74 Läden der "Interspar"-Kette. Weitere Opfer sind im Visier, die Branche fürchtet einen Preiskrieg. Die Konkurrenten sehen Deutschland als "Brückenkopf zur Eroberung des europäischen Handels" und erwarten ein Schlachtfest von Dresden bis Passau. Der "Wal-Mart"-Umsatz ist mehr als doppelt so hoch wie beim deutschen Branchenprimus "Metro", dem weltweit zweitgrößten Handelsriesen. In vier Jahren wollen die Amerikaner ihren Umsatz von heute 120 auf 240 Milliarden Dollar steigern. 

In Heidenau bei Dresden rüsten die gutgelaunten Angestellten zum Angriff. "Das geht seinen Gang", sagt Kerstin Hübener. "Die Zulieferer sind zu allen Schikanen bereit." Im Umkreis von wenigen Kilometern formieren sich potentielle Übernahmekandidaten zur Abwehrschlacht. Täglich schwärmen Scouts aus, Artikel zu vergleichen und Sonderangebote zu unterbieten. Seit "Wal-Mart" um sieben Uhr morgens aufmacht, tun es alle großen Häuser in der Nachbarschaft. Der Preis ist heiß: Wer Artikel beim Konkurrenten billiger sieht, kriegt ein Dankeschön und zahlt bei den Amerikanern den gleichen Preis. 

Daß sie bei Gewinnern arbeitet, war Kerstin Hübener gleich klar, als der Chef in Cowboystiefeln der Belegschaft Buletten briet. Und sie zum großen Familientreffen nach Amerika schickte, wo 18000 Mitarbeiter aus aller Welt in "La Ola"-Wellen sechs Milliarden Mark Jahresgewinn feierten. Kerstin Hübener hat sich da die "Hände zittrig" gedreht und kam mit vier Stunden Videofilm nach Hause. Immer wieder guckt sie sich den Streifen an. "Einer für alle, alle für einen", sagt sie, "das ist doch unser Denken schon von früher her. Das ist unsere Mentalität." 

- Uli Hauser
Quelle: Stern Online

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