Pfennigfuchser im Kaufrausch<ZURÜCK>

Unter den großen Einzelhandelsketten toben Preiskämpfe und Übernahmeschlachten. Nun mischt auch noch ein US-Riese den Markt auf 
Große Sprüche haben sie alle im Angebot. "Unsere Strategie lautet, auf jedem Markt, den wir betreten, auf die Dauer führend zu sein", verkündet Bob Martin, Auslandschef des US-Handelsriesen Wal-Mart Stores. "Man kann Konkurrenten nur schlagen, indem man besser ist", sagt Metro-Lenker Erwin Conradi. "Der Stärkere wird sich letztlich durchsetzen", kontert selbstbewußt Rewe-Chef Hans Reischl. 

Markige Worte. Im deutschen Einzelhandel hat eine neue Runde im Kampf der Giganten begonnen. Der ohnehin schon scharfe Wettbewerb im drittgrößten Wirtschaftszweig wird noch härter. Die Großen der Branche versuchen, durch Zukäufe und Zusammenschlüsse ihre Stellung zu festigen. Denn ein Angreifer aus Amerika verbreitet Angst und Schrecken. Seit Jahresbeginn ist Wal-Mart Stores, der weltgrößte Handelskonzern, in Deutschland präsent - und der US-Riese will hierzulan-de kräftig wachsen. Die Konzentration im Handel, schon heute stärker als in anderen Branchen, bekommt neuen Schub. Es geht zu, als habe ein Kaufrausch die Konzernstrategen erfaßt. 

Mächtigster deutscher Spieler ist Metro. Zuletzt übernahm der Kölner Handelskonzern die süddeutsche Kriegbaum-Kette, eine Familienfirma mit 9000 Mitarbeitern und 2,9 Milliarden Mark Umsatz. Im Februar hatte sich Metro bereits die Mönchengladbacher SB-Warenhausfirma Allkauf (Umsatz: fünf Milliarden Mark) einverleibt. 1997 kamen die Großmärkte der niederländischen Makro-Gruppe (30 Milliarden Mark Umsatz) ins Metro-Reich. 

Vorstandschef Klaus Wiegandt bezweckt mit den Firmenkäufen zweierlei: Die Gruppe vergrößert ihre Einkaufsmacht im Lebensmittelsektor. In dieser Sparte konnte es Metro bisher mit Rewe und Edeka nicht aufnehmen. Die Lebensmittelriesen können bisher dank größerer Absatzmengen bei den Herstellern noch günstigere Konditionen herausschlagen als der Metro-Konzern, der weltweit etwa die Hälfte seines Umsatzes mit Nahrungsmitteln macht. 

Außerdem will Wiegandt mit aller Macht verhindern, daß der US-Konsumkoloß Wal-Mart in Deutschland ein weiteres Mal zum Zuge kommt. Der Schock sitzt immer noch tief. Ende 1997 hatten die Amerikaner die deutsche Wertkauf-Gruppe übernommen. Soviel Geld legten sie der Eigentümer-Familie Mann auf den Tisch, daß die Mitbieter Metro und Tengelmann beim Preispoker aussteigen mußten. Für Wal-Mart ist Wertkauf mit 21 SB-Warenhäusern und einem Umsatz von 2,5 Milliarden Mark nur ein kleiner Fisch. Aber mit der Karlsruher Firmenzentrale gibt es nun einen Brückenkopf für die Expansion in Europa. Der Appetit ist längst nicht gestillt. 

Die Branche ist nervös wie nie zuvor. Wal-Mart in Deutschland, das ist für heimische Handelsmanager ungefähr so, als wenn in der Unterwelt von Buxtehude plötzlich ein echter Mafioso aufkreuzt. Jüngst machte das Gerücht die Runde, der US-Eindringling wolle sich Aldi schnappen. Branchenkenner wie Volker Koch von der Frankfurter Unternehmensberatung M+M Eurodata halten das für unwahrscheinlich. Die schwerreichen Firmengründer Karl und Theo Albrecht würden wohl kaum ihr zweigeteiltes Discount-Imperium abgeben wollen, nachdem sie große Teile davon in gemeinnützige Stiftungen eingebracht haben. 

Dagegen spricht auch, daß Wal-Mart ein anderes Konzept verfolgt als Aldi. Der deutsche Discounter verkauft mit wenig Personal ein schmales Sortiment überwiegend eigener Marken zu Tiefstpreisen. Die Ladenlokale sind karg, Service gibt's nicht. Bei Wal-Mart dagegen empfängt die Kunden schon am Eingang eines Geschäftes ein "People-Greeter" - freundliche Begrüßer in blauer Weste, die einem sagen, wo es lang geht, und umsatzfördernde Tips geben wie auch an neue Batterien zu denken. 

Kundendienst nehmen die Amerikaner ernst. Für Wal-Mart-Personal gilt die "Ten-Foot-Rule": Kommt der Kunde näher als drei Meter, ist ihm freundlich Hilfe anzubieten. Sonderangebote, mit denen Aldi hierzulande für Furore sorgt, gibt es bei Wal-Mart selten. "Every day low price" ist das Prinzip. Auch in den deutschen Wertkauf-Märkten setzten die US-Manager die Preise für weite Teile des Sortiments herunter. Die Läden öffnen schon morgens um sieben Uhr. 

Mit einem Umsatz von 205 Milliarden Mark ist Wal-Mart mehr als doppelt so groß wie die Metro-Gruppe, zu der in Deutschland unter ande-rem Kaufhof, Horten, Real, Extra und Asko gehören. Verglichen mit Metro, die rund 40 Prozent der Einnahmen außerhalb Deutschlands erzielt, ist Wal-Mart aber noch stark auf den Heimatmarkt USA ausgerichtet. Dort ist die Firma mit 720000 Mitarbeitern der größte private Arbeitgeber. 

Erst Anfang der neunziger Jahre machte der Handelsriese, dessen Zentrale in dem Provinznest Bentonville/Ar-kansas liegt, einen Laden jenseits der US-Grenzen auf. Heute ist die Firma auch in Kanada und Mexiko Marktführer, sonst aber nur in sechs weiteren Ländern vertreten. Verfolger Metro hat sich viel weiter ausgebreitet, operiert in 21 Ländern. Holding-Chef Erwin Conradi will expandieren und drückt aufs Tempo: "Die Weltmärkte werden gegenwärtig neu verteilt. Wer heute den Zug verpaßt, verpaßt ihn auf lange Zeit." 

Das wissen auch die Wal-Mart-Manager. Anders als Metro können sie aus einer vollen Kriegskasse schöpfen. "Die wollen weiter übernehmen", sagt Handelsforscher Koch, der den US-Konzern berät, "vor allem große Verbrauchermärkte." Als mögliches Kaufobjekt gilt Branchenkennern auch Lidl mit seinen Großflächen-Häusern. "Das wäre für Wal-Mart eine Option, die Sinn machen würde", sagt Thomas Roeb, Ex-Unternehmensberater und Hochschullehrer. 

Der deutsche Einzelhandelsmarkt gilt als der härteste Europas. Beim Kampf um Kunden setzen die Konzerne einander mit Preis-Tiefschlägen zu. Lebensmittel sind billiger als überall sonst, die Renditen der Firmen niedrig. Die Konsumenten haben von der Konzentration bislang profitiert, meint das Kartellamt. Weil der Inlandsmarkt überbesetzt ist, expandieren Handelsriesen wie Rewe vor allem im Ausland. Die Kölner Gruppe, die schon 1996 in Österreich den Marktführer Billa geschluckt hatte, schlug jüngst ein zweites Mal zu und griff sich den traditionsreichen Filialisten Ju-lius Meinl. Edeka, eine Genossenschaft selbständiger Einzelhändler, stieg bei Adeg, der Nummer drei in Österreich, ein. Und die Mülheimer Tengelmann-Gruppe, die nach Aussage ihres Seniors Erivan Haub Wachstumschancen nur noch im Ausland sieht, übernahm allein in diesem Jahr schon zwei niederländische Supermarktketten und baute ihr Engagement in Italien kräftig aus. 

Bisweilen werden notorische Aufkäufer am Ende selbst geschluckt. Die Spar Handels-AG, die sich auf ihrer Einkaufstour durch Deutschland im Süden die Pfannkuch-Filialen angelte und im Norden die Ketten Safeway und Pro, hat seit dem vergangenen Jahr einen ausländischen Großaktionär. Jetzt hat der französische Handelsriese Intermarché angekündigt, er werde in den kommenden fünf Jahren die Mehrheit bei Spar übernehmen. 

Die Fusionswelle, die über die Branche schwappt, ist gewaltiger als alle vorherigen. "Firmen mit weniger als 20 Milliarden Mark Umsatz sind potentiel-le Übernahmekandidaten", sagt Berater Koch. 

Schon scheinen selbst Konzerne wie Karstadt (27 Milliarden Mark Umsatz) nicht groß genug, um alleine auf Dauer mithalten zu können. Bei dem Essener Warenhauskonzern ist vor einiger Zeit die Fürther Handelsgruppe Schickedanz eingestiegen. Das Bundeskartellamt hat der Quelle-Mutterfirma erlaubt, die Kontrolle bei Karstadt zu übernehmen und damit den viertgrößten Handelskonzern der Republik zu schaffen. Nach Horten, Hertie und Kaufhof verliert damit das letzte Traditions-Kaufhaus seine Unabhängigkeit. 

Bei allen Handelshochzeiten haben es die Manager vor allem darauf abgesehen, die Einkaufskosten zu senken. Je größer die Abnehmer werden, desto stärker geraten die Hersteller unter Druck. Wie die Autokonzerne ihren Zulieferern gegenüber spielen die Handelsriesen ihre Macht rücksichtslos aus. Die Produzenten in der Nahrungsmittelindustrie sind oft Mittelständler, die sich den Verlust eines Großabnehmers nicht erlauben können. 

Jede Firmenhochzeit lassen sich die Konzerne mit neuen Rabatten honorieren. "Das ist ein Hauen und Stechen", sagt Horst Prießnitz, Hauptgeschäftsführer des Markenverbandes, in dem sich die Hersteller namhafter Produkte zusammengeschlossen haben. "Jede neue Fusion kostet die Industrie Geld." 

RÜDIGER JUNGBLUTH
Quelle: Stern Online

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